Grundlagen - denkpsychologische Voraussetzungen

Ziel guten Unterrichts ist, dass Lernende Einsichten in die gelernten Inhalte gewinnen.

1. Definitionen
2. Einsehen als Erfassen relevanter Beziehungen

1. Definitionen

Was geschieht beim Einsehen oder Verstehen, woher weiß man, warum etwas ist. Das Einsehen ist
a) das Erfassen des Sinns eines Ganzen und
b) das Erfassen der wesentlichen, relevanten Beziehungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen und den Teilen untereinander.

Einsichtiges Lernen ist ein schöpferischer (auch: produktiver, kreativer) geistiger Akt, bei dem der Lernende am Ende begriffen hat, warum etwas ist, wie es ist. Er versteht das Gelernte aus seinen inneren Gründen und kennt daher dessen Ursache, Verlauf und Ziel.

Einsichtiges Lernen ist Problemlösen. Der Lernende bewältigt eigentätig eine Aufgabe, bei der er ein Hindernis überwindet. Einsichtiges Lernen unterscheidet sich daher vom bloßen Merken eines Inhalts, dem drillmäßigen Einpauken, dem blinden Üben von Stoffen.

Einsichtiges Lernen ist eine Erstleistung. Der Lernende löst ein Problem für sich zum ersten Mal und kann dafür nicht auf Erfahrungen, Regeln oder Algorithmen zurückgreifen.

Einsichtiges Lernen ist daher das Entdecken und Erfinden einer Lösung und zwar so, dass der Lernende das Ergebnis in der geistigen Auseinandersetzung mit der Sache selbst findet und so wenig wie möglich auf blindes Probieren oder Anleitung von außen angewiesen ist.

Beim einsichtigen Lernen besteht zwischen Erkennendem und Erkenntnisinhalt eine Wechselwirkung. Der Schüler wendet sich dem Inhalt aktiv zu. Er setzt die Mittel des Denkens (Fragen, Schlussfolgern, Klassifizieren usw.) ein, um den Inhalt geistig zu ergreifen. Zugleich unterwirft sich sein Geist der Eigengesetzlichkeit der Sache. Die Struktur der Sache ist dem Schüler vorgegeben, der sich sein Geist anpassen muss.

Einsichten können weder vom Individuum willkürlich gemacht, noch von außen eingetrichtert werden.

Einsichten kann der einzelne nur selbst gewinnen.

Jede didaktische Theorie des Lernens und der Unterrichtsmethoden baut auf einer psychologischen Theorie und deren Annahmen über die psychischen Prozesse des Lernens auf. Die Theorie des einsichtigen Lernens stützt sich auf die Befunde der Gestaltpsychologie. Der ganzheitliche Ansatz der Gestaltpsychologie steht im Gegensatz zu den Annahmen der elementaristisch-assoziationistischen Schulen der Psychologie.

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2. Einsehen als Erfassen relevanter Beziehungen

Beim Einsehen erfasst man
a) den Sinn eines Ganzen und
b) die wesentlichen Beziehungen zwischen den Teilen dieses Ganzen, so dass man weiß, warum etwas ist, wie es ist.

Oft ist uns die Natur der relevanten Beziehungen unmittelbar einsichtig. Wir können direkt ablesen, dass A < B < C ist, damit auch A < C usw.

In anderen Fällen ist die Lösung nicht ablesbar. Das Denken steht vor einem Problem, das es lösen muss. Das Denken will eine klare Struktur finden, um die Lösung unmittelbar ablesen zu können. Dazu muss es die problemhaltige Situation umstrukturieren.

Bei einem solchen Problemlöseprozess kreist das Denken um drei Pole, die Aufgabe (das Ziel), das Material und das Lösungsablauf.
- Die Aufgabe gibt an, welches Ziel erreicht werden soll.
- Das Material ist Gegenstand (Objekt) des Tuns aufgrund der Forderungen der Aufgabe.
- Beim Lösungsablauf wird der Verlauf der Lösung geplant, realisiert und kontrolliert.

Die Umstrukturierung ist ein Übergang von einer der Aufgabe unangemessenen Struktur der Problemsituation zu einer der Aufgabe angemessenen Struktur.

Beispiel: In den Kreis ist ein Rechteck konstruiert. Die Aufgabe lautet: "Welche Länge hat die Linie 'a' des Rechtecks?" Die Lösung ist nicht direkt ablesbar. Wir stehen vor einem Problem, denn wir kennen die Länge 'a' nicht.

 

Das Denken muss das Material in geeigneter Weise umstrukturieren, um Einsicht in die Natur der relevanten Beziehungen gewinnen können.

Bitte denken Sie nach, wie die Lösung aussehen könnte. Karl Duncker hat dazu sogenannte heuristische Fragen entwickelt, die beim Lösen einer Aufgabe weiterhelfen können.

Hier finden Sie die Lösung.

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Das Denken organisiert den Lösungsablauf so, dass es die Eigenart der Linie 'a' klärt. Linie 'a' ist eine Diagonale des Rechtecks. Rechtecke haben aber zwei Diagonalen. Fügt man die Diagonale 'D' hinzu, sieht man sofort, dass die Länge von 'a' dem Radius 'r' entspricht. Im Verlauf des Lösungsprozesses ist das Rechteck so umstrukturiert worden, dass die Lösung abgelesen werden kann.

Das Denken kann solche Beziehungen durch die durch ein einsichtsgeleitetes Suchen nach der richtigen Lösung finden und ist nicht allein vom blinden Probieren (elementaristisch-assoziationstische Psychologie) abhängig.

Bei der einsichtsgeleiteten Suche nach der richtigen Lösung bewegt sich das Denken typischerweise um die drei Pole Aufgabe, Material und Lösungsablauf.

Grundsätzlich arbeitet das Denken aufgabenbezogen. Es entwirft eine problemlose Zielstruktur und leitet daraus Forderungen ab, wie das Gegebene umzuändern ist. Dabei können alle Grade der Klarheit der Aufgabe gegeben sein. Die Aufgabe kann vollständig verstanden sein, das Denken weiß, was es will und löst das Problem sofort. Die Aufgabe kann auch nur dumpf erahnt sein ('Irgendwie muss etwas gemacht werden.', 'Das ist hier irgendwie nicht richtig.', 'Da ist etwas anderes gefordert.' usw.) Dann muss die Aufgabe geklärt werden, indem der Sinn der Zielstruktur und ihr Aufbau präzisiert wird. Das Denken bildet dabei Hypothesen und wendet sie auf die Problemsituation an.

Das gleiche gilt für das Material und den Lösungsablauf. Die Grade reichen von völliger Klarheit des Materials oder des Lösungsablaufs bis zur bloßen Ahnung ihrer Eigenart. Wie bei der Klärung der Aufgabe muss das Denken durch Bildung von Hypothesen und deren Prüfung zu einer vertieften Einsicht in die Struktur des Materials oder des Lösungsablaufs gelangen.

Einsichtiges Lernen ist ein dynamischer, variabler Prozess. Das Denken pendelt zwischen Aufgabe, Material und Lösungsablauf hin und her, bis es deren Struktur restlos geklärt und durchschau