Methoden

Die Methoden des einsichtigen Lernens unterstützen und fördern die geistige Auseinandersetzung des Schülers mit den Inhalten des Unterrichts.

Unterrichtsmethoden können keine Einsichten erzeugen. Sie schaffen nur die Rahmenbedingungen, die das Gewinnen von Einsichten anregen und fördern.

Die Methoden des einsichtsorientierten Unterrichts haben vor allem drei Aufgaben:

1. Anregung zur geistigen Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten
2. Ermutigung zum Problemlösen
3. Förderung der Zusammenarbeit von Schülern bei Problemsituationen


1. Anregung zur geistigen Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten

Die Mitte des Unterrichts stellt die Klärung von Aufgabe, Material und Lösungsablauf dar. Schüler haben oft unterschiedliche Zugänge zu diesen Polen, stoßen dabei auf unterschiedliche Schwierigkeiten und finden unterschiedliche Lösungswege.


Aufgabe

Das Finden und Verstehen einer Aufgabe ist das A und O jeden Unterrichts. Das einsichtige Lernen organisiert sich ja vom Aufgabenverständnis her. Erst wenn Schüler den Sinn einer Aufgabe begriffen haben, können sie selbständig und zielgerichtet arbeiten. Die Analyse der Aufgabe erfordert oft die längste Zeit im Unterricht.

Was kann das Denken anregen, eine Aufgabe zu finden? Schüler entdecken Aufgaben oft in einer für sie unklaren Situation. Das können Begebenheiten (Geschichte, Erlebnisse usw.) sein, in denen dynamische Beziehungen (Aufgaben, Probleme) zwischen einzelnen Teilen (Personen, Gegenständen usw.) wirken. Diese Sachlage regt Schüler zum Nachdenken an, weil sie scheinbar Unvereinbares oder Erfahrungswidriges enthält. Darüber können sich Jugendliche wundern. Dann geht ihr Denken mit und wird aktiv.

Um eine unklare Situation zu schaffen, muß ein tauglicher Einstieg gefunden werden. Taugliche Einstiege können Fragen, Behauptungen oder längere Schilderung von Situationen mit ungelösten Problemen sein. Das Finden eines solchen Einstiegs ist eine der spezifischen Leistungen des Lehrers, die er in Abhängigkeit von der Denkwelt seiner Schüler und der Sachlage finden muß. Hilfreich dabei ist die genaue Beobachtung der Schüler. Welche Fragen stellen sie? Was wollen sie wissen? Wie formulieren sie ihre Fragen? Ein Lehrer kann sich so im Laufe der Zeit eine Sammlung solcher Einstiegssituationen schaffen.

Einige Beispiele für einen tauglichen Einstieg:

Deutschunterricht:

Wann ist eigentlich ein Satz zuende? Wann setzen wir einen Punkt?

Welches Wort ist das wichtigste in einem deutschen Satz?
Oder: Warum ist das Prädikat das wichtigste Wort in einem Satz?

Fachtheorieunterricht für KFZ-Techniker:

Warum bricht das äußere Rad nicht ab, wenn ein Auto um die Kurve fährt?

Fachtheorieunterricht für Flugzeugmechaniker:

Warum fliegt ein Flugzeug mit 300 Tonnen Gewicht, aber ein Panzer mit 10 Tonnen nicht?


Mathematikunterricht:

Warum multipliziert man zwei Größen miteinander und addiert sich nicht einfach auf?

Religionsunterricht:

Warum musste Jesus sterben, um uns zu erlösen?

Warum müssen Menschen leiden, wenn Gott gut ist.




Material

Haben Schüler eine Aufgabe formuliert, müssen sie überlegen, welches Material zur Lösung der Aufgabe tauglich ist. Der sachliche Gehalt des Materials muß den Erfahrungs- und Denkmöglichkeiten der Schüler entsprechen. Material, das dem Alltag entstammt, vereinfacht ihnen die Strukturierungstätigkeit. Dessen Anschaulichkeit erleichtert das sichere Erfassen des Sinnes und der Struktur des im Zusammenhang mit der Aufgabe Wesentlichen. Schüler können bei solchen Situationen auch eher einschätzen, welche Veränderungen sich durch die Erfüllung der Forderungen der Aufgabe ergeben könnten.

Die von ihm formulierte Aufgabe erlaubt es, Kriterien aufzustellen, um geeignetes Material zu suchen. So lassen sich Bedingungen formulieren, die ein im Sinne der Aufgabe geeigneter Stoff erfüllen muß.


Lösungsablauf

Die Organisation des Lösungsablaufs ist für Schüler eine anspruchsvolle Aufgabe. Hier planen sie die Realisierung der angestrebten Lösung, setzen den Plan in die Tat um und gleichen das Ergebnis mit der Aufgabenstellung ab. Sie legen fest, was und warum sie etwas bearbeiten wollen. Jetzt zeigt sich, ob Schüler die Forderungen der Aufgabe und die Eigenart des Materials wirklich eingesehen haben. Können sie hier mitreden, bleibt vom Unterricht nichts übrig, was in seiner Notwendigkeit nicht erkannt wäre. Dann erst ist der Lernprozeß für die Schüler transparent, also einsichtig: Sie wissen, warum die einzelnen Schritte gegangen werden müssen.





2. Ermutigung zum Problemlösen

Die geistige Auseinandersetzung mit einer Sache entspringt dem spontanen Wunsch des Geistes nach Klärung einer Sachlage, wenn für ihn eine Aufgabe gegeben ist. Das Erkennen von Aufgaben ist eine außergewöhnliche geistige Leistung. Der Schüler gibt sich nicht mehr mit dem Vordergründigen, Augenscheinlichen oder Gewohnten zufrieden, sondern merkt auf, staunt – und will selbst etwas lernen. Dazu muß man beim Schüler die Freude am Gebrauch des eigenen Kopfes wecken, den Mut stärken, sich mit Problemen zu beschäftigen und ihm in reichlichem Maße das Erlebnis erfolgreichen einsichtigen Denkens vermitteln. Es ist eine der bedauerlichsten Folgen unseres Schulbetriebes, Schülern das wirkliche Fragen auszutreiben. Wie oft beantworten Schüler ein Problemstellung mit dem Satz: "Das haben wir noch nicht gehabt!"

 

 

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www.einsichtiges-lernen.de.de (c) Dr. Ferdinand Herget 2007